Kunstinitiative

des Gedenkens

von

Konstanze Sailer

"Die braune Gegenwart", Vol. 2, Teil II

Salzburger Interventionen 2015 - 2021

Die Erstausgabe von "Die braune Gegenwart" erschien 2017, anlässlich der gleichnamigen Ausstellung von Werken der deutsch-österreichi-schen Malerin Konstanze Sailer in der Galerie Christoph Dürr, München.

 

Die vorliegende Ausgabe ist eine vollständig durchgesehene Neuauflage, anläs-slich der Wiederaufnahme 2021. Mit 30 Abbildungen von Werken aus den Jahren 2010 - 2017, Tusche auf Papier, von Konstanze Sailer sowie künstlerischen Interventionen und biografischen Kurztexten zu folgenden Personen, u.a.:

 

Heinrich Damisch, Clemens Krauss, Hans Pfitzner, Helene Taussig, Josef Thorak und Poldi Wojtek.

Memory Gaps (Hrsg.): "Die braune Gegenwart", 2021, Verlag: White Library Books
Memory Gaps (Hrsg.): "Die braune Gegenwart", 2021, Verlag: White Library Books

Die Buchpräsentation von "Die braune Gegenwart" fand am 22. Juli 2021 in Salzburg statt.

Memory Gaps unterstützt seit 2016 die von Konstanze Sailer stammende Idee, die nach Josef Thorak, einem der Lieblingsbildhauer Adolf Hitlers, benannte Straße in Salzburg-Aigen in Helene-Taussig-Straße umzube-nennen. Nach einer Neu- oder Umbenennung hätte das Salzburger Straßenschild etwa das folgende Aussehen:

Straßenschild einer möglichen Salzburger "Helene-Taussig-Straße"; Grafik ©: Memory Gaps 2020
Straßenschild einer möglichen Salzburger "Helene-Taussig-Straße"; Grafik ©: Memory Gaps 2020

Helene Taussig (* 10. Mai 1879 in Wien; † 21. April 1942 im Transit-Ghetto Izbica) war eine österreichische Malerin. Nach dem Tod ihres Vaters, des Gouverneurs der Bodencreditanstalt Theodor von Taussig, widmete sie sich ab 1910 gänzlich der Malerei. Sie lebte und arbeitete seit 1919 in Anif bei Salzburg, Ausstellungen ab 1927 folgten, 1934 ließ sie sich vom Salzburger Architekten Otto Prossinger ein Atelier in Anif errichten. 1940 wurde sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft aus Anif ausgewiesen, 1941 enteignet. Helene Taussig floh nach Wien und fand für kurze Zeit in Wien-Floridsdorf, Töllergasse 15, Zuflucht im Altersheim des Klosters der Karmelitinnen. Am 9. April 1942 wurde sie in das Transit-Ghetto Izbica deportiert. Am 21. April 1942 in Izbica als verstorben gemeldet, wurde Helene Taussig vermutlich aber bereits davor, in einem der NS-Vernichtungslager Belzec, Sobibor oder Majdanek ermordet.

Würde der nach einem der weltweit renommiertesten Dirigenten des 20. Jahrhunderts benannte Platz in der Salzburger Altstadt umbenannt werden, sähe das Schild Helene-Taussig-Platz in etwa wie abgebildet aus.

Straßenschild eines möglichen Salzburger "Helene-Taussig-Platzes"; Grafik ©: Memory Gaps 2020
Straßenschild eines möglichen Salzburger "Helene-Taussig-Platzes"; Grafik ©: Memory Gaps 2020

Die sogenannte "Arisierung" der Atelier-Villa von Helene Taussig in Anif erfolgte per "Kaufvertrag" vom 1. Oktober 1941. Gemäß dieses "Vertrags" erwarb Hofrat Ing. Josef Wojtek für einen Betrag von 17.100 Reichsmark das Haus. Der SS-Offizier, Kunsthistoriker und spätere NS-Kunsträuber Kajetan Mühlmann, mit Leopoldine "Poldi" Wojtek, der Tochter von Josef Wojtek von 1932-1943 verheiratet, zahlte in diesem Zusammenhang einen Teilbetrag von 15.000 Reichsmark auf ein Sperrkonto lautend auf "Entjudungserlös Helene Taussig", bei der Landes-Hypothekenanstalt Salzburg ein. "Käufer" der Villa war Josef Wojtek, der seiner Tochter Poldi das Haus schenkte. "Aryanization" ("Arisierung"), vermerkten die US-amerikanischen Militärbehörden nach dem Krieg.

Abschrift des "Kaufvertrags", die Villa von Helene Taussig betreffend, mit handschriftlichem Vermerk "aryanization !!"
Abschrift des "Kaufvertrags", die Villa von Helene Taussig betreffend, mit handschriftlichem Vermerk "aryanization !!"

Quelle: US National Archives: World War II, Claims and Restitution Reports on Property Administered by the Military Government in Salzburg. ID 5686317, S9 1014 Sa Leopoldine Mühlmann (Wojtek)

Poldi Wojtek nahm die Atelier-Villa, die ihr Vater "ohne jeglichen Druck auf Fräulein Taussig rechtmäßig erworben" hatte, wie sie den US-amerikanischen Militär-behörden im März 1946 mitteilte, gerne an. Diese sei schließlich seit Jahren leerstehend gewesen; überdies sei ja auch die Vorbesitzerin, Fräulein Taussig, aus der Gemeinde Anif hinausgeworfen worden und "starb kürzlich in Polen", wie sie zu Protokoll gab.

Karl Springenschmid & Poldi Wojtek (1936). "Eine wahre Geschichte. Worte und Bilder von zwei Deutschen aus dem Auslande", Stuttgart 1937 (Autorenangaben lt. Katalogisat: "Springenschmid, Karl und Mühlmann, Poldi bzw. Leopoldine")
Karl Springenschmid & Poldi Wojtek (1936). "Eine wahre Geschichte. Worte und Bilder von zwei Deutschen aus dem Auslande", Stuttgart 1937 (Autorenangaben lt. Katalogisat: "Springenschmid, Karl und Mühlmann, Poldi bzw. Leopoldine")

Nur 10 Jahre davor, 1936, hatte Poldi Wojtek-Mühlmann, als Poldi Mühlmann, ein propagandistisches Kinderbuch illustriert, das die Lebensgeschichte Adolf Hitlers idealisierte. Das Kinderbuch erschien 1936 unter dem Titel "Eine wahre Geschichte. Worte und Bilder von zwei Deutschen aus dem Auslande", ein Kinderbuch-Bestseller, bereits 1937 in der 18. Auflage (!) verfügbar.   

 

Die Ausgaben 1936 und 1937 enthielten in Österreich keine Autorennennungen, da die NSDAP verboten war. Der Text zu Wojteks Illustrationen stammt von Karl Springenschmid, jenem völkischen NS-Schriftsteller, NSDAP-, SA- und SS-Mitglied sowie Leiter des Salzburger Schulwesens und des NS-Lehrerbundes, der als einer der Hauptverantwortlichen für die Bücherverbrennung auf dem Salzburger Residenzplatz, am 30. April 1938, gilt.

 

 

 

Archivbild: Memory Gaps, © 2017
Archivbild: Memory Gaps, © 2017

Thorak, Damisch und Pfitzner

 

Eine Straße, die nach Helene Taussig benannt wäre, stellte keine Rückerstattung im Sinne von Restitution dar, sondern entspräche dem Füllen einer Jahrzehnte hindurch offen gebliebenen Leerstelle. Josef Thorak und Heinrich Damisch hingegen wird nach wie vor die kommunale Ehre zuteil, dass nach diesen in den Salzburger Stadtteilen Aigen bzw. Parsch Straßen benannt sind.

Prof. Heinrich Damisch beispielsweise war, eigenen Angaben zufolge, einer der Gründerväter der Salzburger Festspielhausgemeinde sowie Direktionsmitglied der Salzburger Festspiele bis 1925. Der maßlose Antisemit Damisch, ab 1932 NSDAP-Mitglied, publizierte 1938 den Artikel "Die Verjudung des österreichischen Musiklebens", in der offen rassistischen Monatsschrift "Der Weltkampf".

 

Dieser Kurzaufsatz lässt keine Fragen zu Charakter und Haltung seines Autors offen, wenn er schreibt: "Arnold Schönberg, ein kleiner jüdischer Handelsangestellter marxistischer Richtung, entdeckte seine Berufung zum musikalischen Demolierer …". Heinrich Damisch zufolge wurde Gustav Mahler, der "aus dem Wiener Konservatorium »wegen Größenwahn« vorzeitig entfernte militante jüdische Dirigent" … "über Betreiben der Familie Rothschild" … "nach Wien zur Leitung der Hofoper berufen." (S. 257).

 

Ähnliches betrifft auch den Komponisten Hans Pfitzner, nach welchem sowohl Straßen in Salzburg-Nonntal als auch in München-Milbertshofen ebenso wie in Wien, Köln, Frankfurt, Solingen, Wiesbaden, Nürnberg und etlichen weiteren Städten benannt sind. Der renommierte und vielfach ausgezeichnete Komponist war nicht nur während der NS-Diktatur, sondern bis zu seinem Tod 1949 antisemitisch eingestellt. Er sympathisierte mit der NSDAP und versuchte, auch noch nach 1945 in seinen Schriften die NS-Verbrechen zu bagatellisieren. Hamburg und Münster haben sich bereits 2011 und 2012 ihrer Pfitzner-Straßen entledigt.

 

Erinnerungsdefizite bestehen heute immer noch im Umgang mit jenen Straßennamen, deren Namensgeber teils NSDAP-Mitglieder waren oder sich in NSDAP-Vorfeld-organisationen engagierten. Viele sympathisierten offen mit der rassistischen NS-Diktatur, teils aus innerer Überzeugung, teils aus Karrierestreben, indem sie sich dem Regime geradezu andienten.

 

Jenen, die damals auf der "falschen Seite der Geschichte" standen, sollen ihre wissenschaftlichen, künstlerischen oder sonstigen Fähigkeiten und Leistungen keinesfalls abgesprochen oder weggenommen werden. Doch Ehrungen, die Städte ausgewählten Persönlichkeiten durch die Benennung von Straßen und Plätzen zukommen lassen, meinen immer den ganzen Menschen, dessen Leben und Haltung.

Das an die eifrigen und erfolgreichen Karriereopportunisten der 30er- und 40er-Jahre gerichtete Wort des österreichischen Publizisten und Aphoristikers Alfred Polgar lautet:

 

"… nicht verschwiegen darf auch werden, daß es viele im Nazi-Reich gab, die zu den schmutzigen und blutigen Ereignissen dort zwar nicht laut "Nein" sagten, aber immerhin die keineswegs ungefährliche Charakter-Stärke aufbrachten, nicht laut "Ja" zu sagen. In ihrer Mehrheit jedoch erwiesen sich "die Geistigen" im Reich gleich der breiten Masse, als brave Schüler in der Schule der Verdummung und Verrohung.Sie mußten, so hart es ihnen fiel, hinein in die Schrifttums-Kammer, die Kultur-Kammer, die Theater-Kammer, die Presse-Kammer. Wenn ich sie nicht recht von Herzen bedauern kann, so deshalb, weil mein Mitleid aufgebraucht wir für die, die in die Gaskammer mussten."