Aktion des Gedenkens

von

Konstanze Sailer

"Fassaden"

Ausstellung 01. - 31. Mai 2016

 

Konstanze Sailer

 

Tusche auf Papier

 

 

 

Galerie Kunstsalon

Epsteinplatz 38

1130 Wien

 

Ernst Epstein (* 4. Jänner 1881 in Wien; † 21. Mai 1938 Wien) war ein österreichischer Architekt und Baumeister. Sein Büro errichtete an die 100 Gebäude in Wien, zahlreiche davon in eigener Planung. Epstein, ein Cousin von Karl Kraus, war 28 Jahre alt, als er zum Bauleiter des bekannten Looshauses am Wiener Michaelerplatz, eines der bekanntesten und umstrittensten Gebäude in der Architekturgeschichte Wiens wurde. Vermutlich aus Angst vor der Verhaftung durch die Gestapo, nahm Epstein nur neun Wochen nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, am Tag nach der Einführung der Nürnberger Rassengesetze in Österreich, in einem von ihm erbauten Haus in Wien-Hietzing eine Überdosis Veronal.

 

Bis zum heutigen Tag existiert in Wien keine Straße, die seinen Namen trägt. Hingegen ist nach Eberhard Clar seit 2009 (!) ein Platz in Wien-Hietzing benannt. Clar war Professor für Geologie an den Technischen Hochschulen in Graz und Wien, seit 1933 (zunächst illegales) NSDAP-Mitglied, ab 1938 auch Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbundes, 1939 leitete er das „Kreisamt für Technik im Kreise Graz‐Land der NSDAP“. Anstelle von Eberhard Clar sollte künftig in Wien-Hietzing an Ernst Epstein erinnert werden.

"Aufschrei 17:39 Uhr", 2016, 48 x 36cm
"Aufschrei 17:39 Uhr", 2016, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die pervertierte NS-Rassenlehre

 

erachtete den Suizid als abzulehnende erbliche Degenerationserscheinung.

 

 

 

"Aufschrei 19:18 Uhr", 2016, 48 x 36cm
"Aufschrei 19:18 Uhr", 2016, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zudem wurde

 

im Sinne des „Volkskörpers“ sogar zwischen „schädlichen“ und „nützlichen“ Selbstmorden bzw. Selbsttötungen unterschieden.

 

 

 

 

"Schrei 15:46 Uhr", 2016, 48 x 36cm
"Schrei 15:46 Uhr", 2016, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Suizide sogenannter

 

„wertvoller“ Menschen waren „schädlich“, jene „minderwertiger“ Menschen wurden als "Gewinn für die Volksgesundheit" angesehen.

 

 

 

"Aufschrei 19:07 Uhr", 2016, 48 x 36cm
"Aufschrei 19:07 Uhr", 2016, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Terror von Gestapo,

 

SA und SS, die landesweiten Arisierungen, Berufsverbote und extremen Mechanismen der Exklusion führten zur starken Anstiegen der Suizidraten.

 

 

 

"Schrei 20:17 Uhr", 2016, 48 x 36cm
"Schrei 20:17 Uhr", 2016, 48 x 36cm

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die in Konzentrationslagern

 

aus unüberbietbarer Verzweiflung begangenen Selbsttötungen waren Akte, die aus der völligen Ausgeliefertheit und Hoffnungslosigkeit erfolgten.

 

 

 

 

"Schrei 21:57 Uhr", 2016, 48 x 36cm
"Schrei 21:57 Uhr", 2016, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der französische Soziologe

 

Émile Durkheim schrieb in seiner Studie Le Suicide: „Wenn der Mensch aus der Gesellschaft herausgelöst wird, begeht er nur allzu leicht Selbstmord. Das tut er auch, wenn er zu sehr in sie verstrickt ist.

 

 

 

"Schrei 22:04 Uhr", 2016, 48 x 36cm
"Schrei 22:04 Uhr", 2016, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schreie tragen keine

 

Namen, sondern individuelle Uhrzeiten. Sie repräsentieren Momente der Verwundung und des Todes. Erst durch den Nachhall der Aufschreie wird die Erinnerung dauerhaft.

 

 

"Aufschrei 22:38 Uhr", 2016, 48 x 36cm
"Aufschrei 22:38 Uhr", 2016, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die in den Tuschen

 

von Konstanze Sailer angedeuteten Kiefer sind in das Bild gesetzte sprachliche Zeichen. Sie ordnen zu: Kiefer zu Aufschrei, Schriftzeichen zu Todesphonem.