Aktion des Gedenkens

von

Konstanze Sailer

"Puppenfärbung – Ankunftstag"

Ausstellung 01. - 30. November 2015

 

Konstanze Sailer

 

Tusche auf Papier

 

 

 

Galerie Artspace Prater

Leonore-Brecher-Platz 42

1020 Wien             

 

 

Leonore Rachelle Brecher (* 14. Okt. 1886 in Botoschan, (Botosani, Rumänien); † 18. Sept. 1942 in der NS-Vernichtungsstätte Maly Trostinec (nahe Minsk), war eine österreichische Zoologin. Sie forschte u. a. zur Vererbung erworbener Eigenschaften bei Tieren, wie etwa Fähigkeiten zur Farbanpassung an die Umwelt, z. B. bei Schmetterlingen. Ab 1918 arbeitete sie an deutschen und englischen Forschungseinrichtungen, hauptsächlich jedoch in der Wiener Biologischen Versuchsanstalt, im damals international renommierten Vivarium im Wiener Prater. Ihre Habilitationsversuche scheiterten 1926 aufgrund des Antisemitismus der Habilitationskommission. Im April 1938 wurde Leonore Brecher aus der Biologischen Versuchsanstalt entlassen und arbeitete als Lehrerin in einer jüdischen Schule in Wien-Leopoldstadt. Am 14. Sept. 1942 wurde sie aus der Rembrandtstraße deportiert und nur vier Tage später, am Ankunftstag, im Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.

 

Bis zum heutigen Tag existiert in Wien keine Straße, die ihren Namen trägt. Hingegen ist nach Oswald Thomas heute noch ein Platz in Wien-Leopoldstadt benannt. Thomas war Astronom und Begründer des Wiener Planetariums, Mitglied im NSLB, NSAHB sowie der NSV und stellte ab 1938 mehrere Anträge auf NSDAP-Mitgliedschaft, die wegen seiner früheren Zugehörigkeit zu einer Freimaurerloge jedoch abgelehnt wurden. Anstelle von Oswald Thomas sollte künftig im Wiener Prater an Leonore Brecher erinnert werden.

 

"Schrei 17:38 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Schrei 17:38 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Puppenfärbungen

 

des Kohlweißlings“ lautet der Titel

der 1916 approbierten Dissertation Leonore Brechers zum Thema der Farbanpassung von Schmetterlingen.

 

 

"Schrei 15:54 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Schrei 15:54 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Übertragbarkeit

 

von Eigenschaften, welche im Laufe eines Lebens erworben werden (Lamarckismus), wurde 1922 an Schmetterlingspuppen experimentell nachgewiesen.


"Schrei 20:19 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Schrei 20:19 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Falter, über die Kirchhof-Mauer

herübergeworfen vom Wind,

trinkend aus den Blumen der Trauer,

die vielleicht unerschöpflicher sind ...

 

Rainer Maria Rilke 

"Aufschrei 20:27 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Aufschrei 20:27 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach der

 

Einnahme von Minsk im Juni 1941 wurde außerhalb der Stadt das NS-Vernichtungslager Maly Trostinec geplant und später als NS-Vernichtungsstätte betrieben.

"Aufschrei 20:33 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Aufschrei 20:33 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Gelände

 

der Vernichtungsstätten stand im Eigentum des Befehlshabers der NS-Sicherheitspolizei und des NS-Sicherheitsdienstes.

 

"Aufschrei 22:09 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Aufschrei 22:09 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zwischen 1942 und 1944

 

wurden im Vernichtungslager Maly Trostinec an die 60.000 Menschen – zumeist durch Erschießung im nahe gelegenen Kiefernwald – ermordet.

"Schrei 13:44 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Schrei 13:44 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Deportationszüge

 

umfassten in vielen Fällen genau 1.000 Menschen. Die Häftlings-nummer von Leonore Rachelle Brecher während des Transports lautete: 703.

"Aufschrei 18:02 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Aufschrei 18:02 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dargestellte Kiefer

 

sind in das Bild gesetzte sprachliche Zeichen. Die Tuschen von Konstanze Sailer sind Andeutungen und Zuordnungen: Kiefer zu Aufschrei, Schriftzeichen zu Todesphonem.

"Schrei 21:20 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Schrei 21:20 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schreie und Aufschreie

 

sind jäh unterbrochene Sprache. Schreie tragen keine Namen, sondern lediglich individuelle Uhrzeiten. Sie repräsentieren Momente von Ver- wundung und Tod. Erst im Nachhall von Aufschreien wird die Erinnerung dauerhaft.

"Aufschrei 21:23 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Aufschrei 21:23 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

Jeder

 

der zum schmerzerfüllten Schrei aufgerissenen Kiefer ist einem Laut zugeordnet. Nach dessen Verklingen bleibt sein Nachhall bestehen. Dieser ruft die Aufschreie zurück in unser kollektives Gedächtnis.