Aktion des Gedenkens

von

Konstanze Sailer

Wiens erste "Hitler-Glocke", Teil II

 

01. - 31. Oktober 2019

 

 

 

Auf der ersten "Hitler-Glocke" Wiens wurden oberhalb des Hitler-Porträts Propst Alipius Josef Linda von den Chorherren des Stifts Klosterneuburg und der Sieveringer Pfarrer Benno Karl Todt "verewigt".

 

 

 

Bildquelle: "Neues Wiener Tagblatt", 11.05.1938, S. 9
Bildquelle: "Neues Wiener Tagblatt", 11.05.1938, S. 9

Propst Alipius Josef Linda & Dr. Benno Karl Todt

 

"Es war ein hübscher Anblick, als gestern die hellsilbern glänzende Glocke in der dunklen Werkstatt, wo in den Ecken Flammen und glühende Eisen aufleuchteten, an Ketten hochgezogen, frei in der Luft hing. Das Bild des Führers, ein Bild des heiligen Severin und ein Hakenkreuz schimmern von ihrer Außenseite dem Beschauer entgegen, und man konnte die beiden Inschriften »Ich grüße dich, du neue Zeit – Heil Deutschland groß und weit!« sowie »Gespendet von der Pfarre Sievering unter dem Propst Alipius Josef Linda und Pfarrer Dr. Benno Karl Todt« … nun in den erhabenen glitzernden Buchstaben einmal selbst lesen." (Kleine Volks-Zeitung, 28.05.1938)

 

Pfarrer Todt: "Ein Mann von aufrechten deutschem Charakter"

 

Im Ortsgebiet von Sievering hatten sich einst zahlreiche Siedler aus der fränkisch-bayerischen Region niedergelassen, wie der Initiator der Führerglocke, Ortspfarrer Dr. Benno Karl Todt berichtete. Deren Herkunft sei an vielen Familiennamen ablesbar. Die Sieveringer Kirche wurde auch deshalb errichtet, um den Bewohnern den einstmals sehr gefährlichen Gang durch die Wälder nach Heiligenstadt zu ersparen.

 

Die Mittel für die Führerglocke, so Pfarrer Todt, wurden von der Sieveringer Bevölkerung getragen, die, wie die Illustrierte Kronen-Zeitung vom 29.05.1938 zu berichten wusste, "nicht wenig stolz" waren, die erste Hitler-Glocke Wiens ihr Eigen zu nennen.

 

Pfarrer Benno Todt, "ein Mann von aufrechtem deutschem Charakter" (ebda.: 05. Mai) hatte sich seit Jahren um eine neue Glocke bemüht, konnte jedoch die Mittel in der Bevölkerung dafür nicht auftreiben. Erst im Frühjahr 1938 gelang die "Glocken-Kollekte" fast im Handumdrehen und die Führer-Glocke wurde umgehend in Auftrag gegeben.

 

 

Begleitet von der Hitler-Jugend

 

Die Hitler-Jugend begleitete den Weg der Glocke, bergan durch die gesamte Sieveringer Straße, bis zur Pfarrkirche. Auf einem "Fuhrwerk des Zimmermeisters Hartl" erfolgte der Transport. Den "Schmuck der Glocke besorgten die Sieveringer Gärtner Böse und Pospischil". (Das Kleine Volksblatt, 29.05.1938)

 

 

Glocken wurden zu Waffen

 

Aufgrund der knapp werdenden Metallvorräte während des Zweiten Weltkriegs wurden unzählige Glocken eingeschmolzen und in Geschütze verwandelt. Der diametrale Verwendungswechsel von Friedensglocken zu Kriegsgerät und von spirituellen Taktgebern zu Mordinstrumenten war nicht nur bei den Gläubigen, sondern in großen Teilen der Bevölkerung umstritten.

 

Während im Ersten Weltkrieg Glocken noch eher unsystematisch eingezogen und umgeschmolzen wurden, war dieser Vorgang während der NS-Zeit strukturiert und systematisiert. Sowohl Denkmäler aus Bronze als auch zehntausende Glocken wurden eingeschmolzen.

 

Jeder Kirche wurde grundsätzlich eine Läuteglocke zugestanden, zumeist die leichteste, kleinste Glocke. Die Einteilung der Glocken erfolgte in vier Kategorien, die Typen A und B wurden umgehend konfisziert, die Typen C und D waren historisch (politisch) wertvolle Glocken. Auf diese sollte erst zuletzt und nur im äußersten Notfall zurückgegriffen werden. Die Wiener Glocken brachte man mit Güterzügen nach Hamburg, wo der Großteil in zwei Hüttenwerken umgeschmolzen wurde.

 

 

Abschleifen statt umschmelzen

 

Wie der Ortschronik der Gemeinde Orth an der Donau aus 1946 zu entnehmen ist, fehlte auch dieser Gemeinde seit 1917 die größte ihrer drei Kirchturmglocken, die auf "G" gestimmte. Nach Kriegsende beauftragte die Orther Pfarre die Glockengießerei Pfundner mit der Herstellung einer neuen Glocke. Doch bevor man dieses neue Exemplar in den Orther Glockenstuhl hängte, wurde es "getauscht".

 

Mutmaßlich aufgrund eines Hinweises der Gießerei, tauschte die Orther Pfarre ihre Glocke mit jener von Sievering, welche ihre "Hitler-Glocke" nach Kriegsende möglichst rasch loswerden wollte.

 

Die "Hitler-Glocke" aus Sievering wurde 1946 nicht eingeschmolzen, sondern blieb im Original erhalten. Kurzerhand wurden nur das reliefartige Hitler-Porträt, das Hakenkreuz und die Inschriften abgeschliffen und durch andere ersetzt.

 

©: Memory Gaps, 2019 (mit freundlicher Unterstützung der Pfarre Orth an der Donau)
©: Memory Gaps, 2019 (mit freundlicher Unterstützung der Pfarre Orth an der Donau)
©: Memory Gaps, 2019 (mit freundlicher Unterstützung der Pfarre Orth an der Donau)
©: Memory Gaps, 2019 (mit freundlicher Unterstützung der Pfarre Orth an der Donau)

Teil I der Intervention: Wiens erste "Hitler Glocke", September 2019