Kunstinitiative

des Gedenkens

von

Konstanze Sailer

"Art Apologies: Pestalozzi"

Johann Heinrich Pestalozzi: Ein Denkmal entschuldigt sich

Johann Heinrich Pestalozzi (* 12. Jan. 1746 in Zürich; † 17. Feb. 1827 in Brugg), war ein Schweizer Schriftsteller, Pädagoge und Philanthrop. Dessen ungeachtet operierte er mit populistischen Stereotypen seiner Zeit und glich sich dem Antisemitismus seiner Epoche an. Eine in diesem Kontext höchst bedenkliche verbale Entgleisung aus seiner Feder stellt das fiktive Dorf "Mauschelhofen" dar:

 

"Es war ein gesegnetes Dorf, aber Juden, man sagte mir nicht, ob getaufte oder ungetaufte, nisteten sich ein, wurden reich und das Dorf arm. Jetzt stehen die Kinder seiner ehemals gesegneten Häuser, täglich als Bettler, vor den harten Türen der Juden, und die armen Leute müssen in allweg tun, was die Judengasse will." … und Pestalozzi weiter: "So ist es jederzeit, und so lang‘ es so ist, werden die Juden in Mauschelhofen gesegnet, und die alten Einwohner Bettler bleibenwo Juden und Judengenossen einnisten, da ist außer der Judengasse kein Gemeingeist mehr denkbar; und wo in einer Gemeinde kein Gemeingeist mehr denkbar ist, da ist auch jede Gemeinde keine wirkliche Gemeinde mehr. Diesem Übel aber sollte freilich mit der größten Sorgfalt vorgebeugt werden."

 

Pestalozzi, Johann Heinrich: Sämtliche Werke,

Bd. 11; Schriften aus der Zeit von 1795 - 1797

"Art Apologies – Pestalozzi – Zürich", © Memory Gaps, 2021
"Art Apologies – Pestalozzi – Zürich", © Memory Gaps, 2021

Art Apologies: Ein Denkmal entschuldigt sich

 

Das heutige Zürich könnte Johann Heinrich Pestalozzi eine Entschuldigung verordnen. Diese könnte, in zahlreichen Sprachen abgefasst und mit QR-Codes zwecks vertiefender Information versehen, den Besuchern zugänglich gemacht werden. Eine fiktive historische Entschuldigung, die Pestalozzis Sprache nachempfunden ist:

"Art Apologies – Pestalozzi", © Memory Gaps, 2021
"Art Apologies – Pestalozzi", © Memory Gaps, 2021

"… und ganz besonders entschuldige ich mich für meine Erzählung "Mauschelhofen". Ich habe den Antisemitismus ganz bewusst eingesetzt und narrativ auf der Klaviatur der Stereotype gespielt. Das hätte mir als einem an Rousseau geschulten Pädagogen niemals passieren dürfen!

Es waren schwierige Zeiten, kurz nach der Französischen Revolution, die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundert stand bevor. Allen jenen – und ganz besonders den Kindern – die ich durch Sprache verletzt habe, drücke ich mein aufrichtiges Bedauern aus!

Und hätte ich geahnt, welches Inferno an antisemitischen Hassreden ein gewisser Adolf Hitler – ein Jahrhundert nach meinem Tod – auslösen würde, welcher erschütternde Allbrand und welches unfassliche Morden über die Welt kommen würde, wäre mir als Schriftsteller, Pädagogen und Philanthrop zu Lebzeiten kein einziger antisemitischer Satz je über die Lippen gekommen. Daher bitte ich Sie alle, die Sie die späterkommenden Menschen meiner Nachwelt sind, und vor allem die Kinder, von Herzen um Verzeihung!"

"Art Apologies – Pestalozzi – Zürich", © Memory Gaps, 2021
"Art Apologies – Pestalozzi – Zürich", © Memory Gaps, 2021

Der andere Schriftsteller und Pädagoge

 

Der Kinderarzt, Pädagoge und Schriftsteller Janusz Korczak begleitete aus moralischer Selbstverpflichtung etwa 200 Waisenkinder in die Gaskammer des NS-Vernichtungslagers Treblinka.

 

Henryk Goldszmit wurde unter seinem Künstlernamen Janusz Korczak bekannt. Er war ein polnischer jüdischer Kinderarzt, Pädagoge, Schriftsteller und Leiter eines, im Jahr 1912, nach seinen eigenen Plänen errichteten Waisenhauses in Warschau. 1878 geboren, bestand Korczak im August 1942 darauf, die etwa 200 jüdischen Kinder seines Warschauer Waisenhauses, die von der SS abgeholt und in das NS-Vernichtungslager Treblinka deportiert wurden, zu begleiten. Obwohl er die Möglichkeit zur Flucht gehabt hätte, ließen er und seine Mitarbeiterin Stefania Wilczyńska die Kinder nicht im Stich. Wissend, dass dies auch für sie selbst den Tod bedeuten würde, begleiteten sie ihre Waisenkinder in die Gaskammer. Sie alle wurden vermutlich bereits kurz nach dem 5. August 1942 im Vernichtungslager Treblinka ermordet.

 

Zu den grauenhaftesten aller Tatbestände der jüngeren Geschichte Europas zählt die infernalische Ermordung von mehr als 1,5 Millionen Kindern während des Holocaust.

 

Memory Gaps erinnert an das Faktum, dass auch zahlreiche in Zürich geborene jüdische Kinder und Jugendliche ebenso zu Opfern der NS-Diktatur wurden. An dieses historische Faktum zu erinnern bedeutet, es der Tabuisierung zu entreißen und nicht zu einer kollektiven Erinnerungslücke werden zu lassen.

Desiree Aviwa Bondi (* 23. März 1938 in Zürich; † 1942 im Vernichtungslager Auschwitz) war vor dem Zweiten Weltkrieg mit Ihrer Familie von Wien nach Antwerpen geflohen. Ab Mai 1940 wurde Belgien von NS-Deutschland militärisch besetzt, die jüdische Familie wurde 1941 oder 1942 verhaftet und in der Kaserne Dossin, dem SS-Sammellager in Mechelen/Malines bei Brüssel festgesetzt. Mit dem Transport VIII von der Kaserne Dossin wurde Desiree Aviwa Bondi, wahrscheinlich gemeinsam mit ihrer Familie bzw. Teilen ihrer Familie, am 08. Sept. 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und im Alter von 4 Jahren, vermutlich kurz nach ihrer Ankunft ermordet.

 

Marcel Pollak (* 11. März 1932 in Zürich; † 1942 im Vernichtungslager Auschwitz) war vor dem Zweiten Weltkrieg mit seiner jüdischen Familie nach Antwerpen geflohen. Ab Mai 1940 wurde Belgien von NS-Deutschland militärisch besetzt. Der Schüler wurde am 29. Sept. 1942 verhaftet und in der Kaserne Dossin, dem SS-Sammellager in Mechelen/Malines bei Brüssel festgesetzt. Mit dem Transport XII von der Kaserne Dossin wurde Marcel Pollak, wahrscheinlich gemeinsam mit seiner Familie bzw. Teilen seiner Familie, am 10. Okt. 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und im Alter von 10 Jahren, vermutlich kurz nach seiner Ankunft ermordet.

Lea Eisenberg (* 26. Juli 1927 in Zürich; † 1942 im Vernichtungslager Auschwitz) war vor dem Zweiten Weltkrieg mit Ihrer jüdischen Familie nach Antwerpen geflohen. Ab Mai 1940 wurde Belgien von NS-Deutschland militärisch besetzt. Die Schülerin wurde verhaftet und in der Kaserne Dossin, dem SS-Sammellager in Mechelen/Malines bei Brüssel festgesetzt. Mit dem Transport XII von der Kaserne Dossin wurde Lea Eisenberg, wahrscheinlich gemeinsam mit ihrer Familie bzw. Teilen ihrer Familie, am 10. Okt. 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und im Alter von 15 Jahren, vermutlich kurz nach ihrer Ankunft ermordet.

 

Jetty Jeannine Sontag (* 14. Mai 1925 in Zürich; † 20. Aug. 1944 in Saint-Genis-Laval), aus einer polnisch-jüdischen Familie stammend, war eine französische Widerstands-kämpferin gegen den Nationalsozialismus. Ihr Vater leitete eine Kleiderfabrik in Straßburg, Jetty Sontag besuchte dort das Mädchengymnasium Lycée des Pontonniers. Nach der Besetzung Frankreichs durch die NS-Wehrmacht zog die Familie nach Lyon, in eine sog. freie Zone. Dort schloss sich Jetty Jeannine Sontag - unter dem Decknamen Jeannette - der Résistance an, war zunächst in einer Aufklärungseinheit tätig und wurde 1943 Verbindungsoffizierin.

 

1944 schloss sie sich dem bewaffneten Teil der Résistance an und stürmte am 3. Juli 1944, gemeinsam mit einer kommunistischen Widerstandsgruppe ein Unternehmen, das für die NS-Wehrmacht arbeitete. Der bewaffnete Einsatz misslang, die Widerstands-kämpfer flohen vor der Polizei, doch Jeannine stürzte, wurde verletzt, verhaftet und anschließend an die Gestapo übergeben. Nach Verhören und Folter wird Jetty Jeannine Sontag mit 120 weiteren Häftlingen, am 20. August 1944, zur Festung Côte-Lorette gebracht und dort von einem deutschen Gestapo-Exekutionskommando unter dem Befehl von Klaus Barbie mit Maschinengewehren erschossen. Dieses Kriegsverbrechen wurde als Massaker von Saint-Genis-Laval bekannt.1954 wurde Barbie von einem französischen Gericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt. In Bolivien mittels internationaler Kontakte vor Strafverfolgung geschützt, wurde Barbie erst 1983 nach Frankreich ausgeliefert, erneut zu lebenslanger Haft verurteilt. Er verstarb 1991 im Gefängnis in Lyon.

Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt

Das berühmte und gleichzeitig schwierige jüdische Sprichwort „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt“ gilt insbesondere auch für das Gedenken, als ein Gegenwärtig-Machen von Geschehenem. Vor diesem Hintergrund erhält der Gedanke von Janusz Korczak, "jedes Kind hat das Recht auf den heutigen Tag", ein schier unendliches Gewicht und verschlägt die Stimme.