Kunstinitiative

des Gedenkens

von

Konstanze Sailer

Helene Taussig: Endlich eine Straße?!

Memorial 01. - 31. Mai 2021

Die bekannten Namen, von Thorak über Damisch bis Krauss und Pfitzner, werden in Kürze wieder im NS-Zusammenhang genannt werden: im Abschlussbericht der Historikerkommission bzw. des Fachbeirats für Straßennamen der Stadt Salzburg.

 

Memory Gaps erinnert und hinterfragt seit Jahren und in zahlreichen Inter-ventionen deren “Leben auf der falschen Seite”. Sie waren teils Profiteure der NS-Zeit, teils "talentierte NS-Netzwerker". Josef Thorak war einer der Lieblings-bildhauer Hitlers; Heinrich Damisch war einer der "Gründerväter" der Salzburger Festspielhausgemeinde und notorischer Antisemit.

 

In den Salzburger Stadtteilen Aigen und Parsch wird Ihrer mittels Straßen-namen gedacht. Viel wichtiger wäre jedoch, der enteigneten, deportierten und ermordeten Malerin Helene Taussig in Salzburg angemessen zu gedenken und eine Straße oder eine Platz nach ihr zu benennen. Falls eine Umbenennung der Damisch- oder der Thorak-Straße aus kommunalpolitischen Gründen nicht machbar erscheint, wäre zumindest eine Neubenennung einer Straße nach Helene Taussig höchst an der Zeit.

 

Nach den Interventionen Februar 2016 sowie Februar 2018, wandte sich die Kunstinitiative Memory Gaps im Dezember 2020 brieflich an die Magistrats-abteilung Kultur, Bildung und Wissen der Landeshauptstadt Salzburg, mit dem Anliegen, an die Malerin Helene Taussig mittels Straßennamen zu erinnern.

Straßenschild einer möglichen Salzburger "Helene-Taussig-Straße"; Grafik ©: Memory Gaps 2020
Straßenschild einer möglichen Salzburger "Helene-Taussig-Straße"; Grafik ©: Memory Gaps 2020

Helene Taussig (* 10. Mai 1879 in Wien; † 21. April 1942 im Transit-Ghetto Izbica) war eine österreichische Malerin. Nach dem Tod ihres Vaters, des Gouverneurs der Bodencreditanstalt Theodor von Taussig, widmete sie sich ab 1910 gänzlich der Malerei. Sie lebte und arbeitete seit 1919 in Anif bei Salzburg, Ausstellungen ab 1927 folgten, 1934 ließ sie sich vom Salzburger Architekten Otto Prossinger ein Atelier in Anif errichten. 1940 wurde sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft aus Anif ausgewiesen, 1941 enteignet. Helene Taussig floh nach Wien und fand für kurze Zeit in Wien-Floridsdorf, Töllergasse 15, Zuflucht im Altersheim des Klosters der Karmelitinnen. Am 9. April 1942 wurde sie in das Transit-Ghetto Izbica deportiert. Am 21. April 1942 in Izbica als verstorben gemeldet, wurde Helene Taussig vermutlich aber bereits davor, in einem der NS-Vernichtungslager Belzec, Sobibor oder Majdanek ermordet.

"Birthday Memorial Helene Taussig", 2021, Plakat, 84 x 59cm; ©: Memory Gaps
"Birthday Memorial Helene Taussig", 2021, Plakat, 84 x 59cm; ©: Memory Gaps

Im selben Zeitraum beauftragte Hitler seinen Architekten Albert Speer 1938 damit, in Baldham, am Stadtrand von München, ein monumentales Atelier für den Bildhauer (und NSDAP-Mitglied) Josef Thorak zu planen und bauen zu lassen. Die drei monströsen Eingangstore des Ateliers hatten eine Höhe von etwa 11 Metern. Neben zahlreichen monumentalen Figuren und Plastiken – wie etwa jenen vor der Neuen Reichskanzlei in Berlin – stammen u.a. auch Statuen und Büsten von Hitler und Mussolini aus dem Atelier Josef Thoraks.

 

Es ist ernüchternd, dass im Jahr 2021 immer noch eine Straße im Salzburger Stadtteil Aigen nach Josef Thorak benannt ist, jedoch keine Straße in Salzburg existiert, die den Namen des NS-Opfers Helene Taussig trägt. Es wäre geradezu einfach, die 1963 vorgenommene Ehrung der Stadt Salzburg jetzt, im Jahr 2021, von Hitlers Lieblingsbildhauer auf ein NS-Opfer übergehen zu lassen.

 

Die sogenannte "Arisierung" der Atelier-Villa Helene Taussigs in Anif erfolgte per "Kaufvertrag" vom 1. Oktober 1941. Gemäß dieses "Vertrags" erwarb Hofrat Ing. Josef Wojtek für einen Betrag von 17.100 Reichsmark das Haus. Der SS-Offizier, Kunsthistoriker und spätere NS-Kunsträuber Kajetan Mühlmann, mit Leopoldine "Poldi" Wojtek, der Tochter von Josef Wojtek verheiratet, zahlte in diesem Zusammenhang einen Teilbetrag von 15.000 Reichsmark auf ein Sperrkonto lautend auf "Entjudungserlös Helene Taussig", bei der Landes-Hypothekenanstalt Salzburg ein. "Käufer" der Villa war Josef Wojtek, der seiner Tochter Poldi das Haus schenkte. "Aryanization" ("Arisierung"), vermerkten die US-amerikanischen Militärbehörden nach dem Krieg.

"Helene Taussig, Memorial 02", 2015, 48 x 36cm; ©: Konstanze Sailer
"Helene Taussig, Memorial 02", 2015, 48 x 36cm; ©: Konstanze Sailer

Poldi Wojtek hingegen nahm die Atelier-Villa, die ihr Vater "ohne jeglichen Druck auf Fräulein Taussig rechtmäßig erworben" hatte, wie sie den US-amerikanischen Militär-behörden im März 1946 mitteilte, gerne an. Diese sei schließlich seit Jahren leerstehend gewesen; überdies sei ja auch die Vorbesitzerin, Fräulein Taussig, aus der Gemeinde Anif hinausgeworfen worden und "starb kürzlich in Polen", wie Poldi Wojtek zu Protokoll gab.

Würde der nach einem der weltweit renommiertesten Dirigenten des 20. Jahrhunderts benannte Platz in der Salzburger Altstadt umbenannt werden, sähe das Schild Helene-Taussig-Platz in etwa wie abgebildet aus.

Straßenschild "Helene-Taussig-Platz"; Grafik ©: Memory Gaps 2020
Straßenschild "Helene-Taussig-Platz"; Grafik ©: Memory Gaps 2020

Thorak, Damisch, Krauss und Pfitzner

 

Eine Straße, die nach Helene Taussig benannt wäre, stellte keine Rückerstattung im Sinne von Restitution dar, sondern entspräche dem Füllen einer Jahrzehnte hindurch offen gebliebenen Leerstelle. Josef Thorak, Heinrich Damisch und Clemens Krauss hingegen wird nach wie vor die kommunale Ehre zuteil, dass nach diesen in den Salzburger Stadtteilen Aigen bzw. Parsch Straßen benannt sind.

Prof. Heinrich Damisch beispielsweise war, eigenen Angaben zufolge, einer der Gründerväter der Salzburger Festspielhausgemeinde sowie Direktionsmitglied der Salzburger Festspiele bis 1925. Der maßlose Antisemit Damisch, ab 1932 NSDAP-Mitglied, publizierte 1938 den Artikel "Die Verjudung des österreichischen Musiklebens", in der offen rassistischen Monatsschrift "Der Weltkampf".

 

Dieser Kurzaufsatz lässt keine Fragen zu Charakter und Haltung seines Autors offen, wenn er schreibt: "Arnold Schönberg, ein kleiner jüdischer Handelsangestellter marxistischer Richtung, entdeckte seine Berufung zum musikalischen Demolierer …". Heinrich Damisch zufolge wurde Gustav Mahler, der "aus dem Wiener Konservatorium »wegen Größenwahn« vorzeitig entfernte militante jüdische Dirigent" … "über Betreiben der Familie Rothschild" … "nach Wien zur Leitung der Hofoper berufen." (S. 257).

 

Ähnliches betrifft auch den Komponisten Hans Pfitzner, nach welchem sowohl Straßen in Salzburg-Nonntal als auch in München-Milbertshofen ebenso wie in Wien, Köln, Frankfurt, Solingen, Wiesbaden, Nürnberg und etlichen weiteren Städten benannt sind. Der renommierte und vielfach ausgezeichnete Komponist war nicht nur während der NS-Diktatur, sondern bis zu seinem Tod 1949 antisemitisch eingestellt. Er sympathisierte mit der NSDAP und versuchte, auch noch nach 1945 in seinen Schriften die NS-Verbrechen zu bagatellisieren. Hamburg und Münster haben sich bereits 2011 und 2012 ihrer Pfitzner-Straßen entledigt.

 

Erinnerungsdefizite bestehen heute immer noch im Umgang mit jenen Straßennamen, deren Namensgeber teils NSDAP-Mitglieder waren oder sich in NSDAP-Vorfeld-organisationen engagierten. Viele sympathisierten offen mit der rassistischen NS-Diktatur, teils aus innerer Überzeugung, teils aus Karrierestreben, indem sie sich dem Regime geradezu andienten.

 

Jenen, die damals auf der „falschen Seite der Geschichte“ standen, sollen ihre wissenschaftlichen, künstlerischen oder sonstigen Fähigkeiten und Leistungen keinesfalls abgesprochen oder weggenommen werden. Doch Ehrungen, die Städte ausgewählten Persönlichkeiten durch die Benennung von Straßen und Plätzen zukommen lassen, meinen immer den ganzen Menschen, dessen Leben und Haltung. Es gilt nach wie vor, was der deutsche Philosoph Theodor W. Adorno in seinen ethischen Reflexionen vermerkte: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen."