Aktion des Gedenkens

von

Konstanze Sailer

"Ilsebild - 1000"

Ausstellung 01. - 31. Oktober 2015

 

Konstanze Sailer

 

Tusche auf Papier

 

 

 

Temporärer Kunstraum Mariahilf

Ilse-Pisk-Park / Stumperg. 8-12                  

1060 Wien 

 

 

Ilse Pisk (* 17. Februar 1898 im mährischen Mistek, heute Frýdek-Místek, Tschechien; † 1942 im Transit-Ghetto Izbica). Ilse Pisk war eine der frühesten Atelierfotografinnen im Wien der 1920er-Jahre. Aus ihrer Zusammenarbeit mit der Fotografin Trude Fleischmann entstanden bekannte Fotografien von Peter Altenberg und Adolf Loos. In den 1930er-Jahren betrieb sie ein Atelier an der Adresse Linke Wienzeile 48-52, 3. Stiege, unter ihrem und unter dem Namen „Ilsebild“. Ilse Pisk wurde aufgrund ihrer jüdischen Herkunft am 12. Mai 1942 in das Transit-Ghetto Izbica deportiert. Das Durchgangslager Izbica war ein Transit-Ghetto für Deportationen in die Vernichtungslager Belzec und Sobibor. Die letzten dokumentierten Einträge über Ilse Pisk lauteten: „Transport Nr. 20, Häftlingsnummer 1000“.

 

Bis zum heutigen Tag existiert in Wien keine Straße, die ihren Namen trägt. Hingegen ist nach Hubert Marischka heute noch ein Park in 1060 Wien benannt. Marischka war Schauspieler, Sänger, Regisseur, Theaterdirektor des Theaters a. d. Wien, Drehbuchautor, Mitglied der Reichsmusikkammer und anderer NSDAP-Vorfeldorganisationen. Er suchte mehrfach um NSDAP-Mitgliedschaft an, wurde jedoch u. a. aufgrund seiner beiden Ehen mit einer Jüdin und einer als „Halbjüdin“ stigmatisierten Frau als politisch unzuverlässig eingestuft und abgelehnt. Anstelle von Hubert Marischka sollte zukünftig in Wien-Mariahilf an Ilse Pisk erinnert werden.

"Aufschrei 11:55 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Aufschrei 11:55 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

In den NS-Vernichtungslagern

 

Treblinka, Belzec und Sobibor wurden – unter Leitung des österreichischen SS-Gruppenführers Odilo Globocnik – zwischen Juli 1942 und Oktober 1943 insgesamt mehr als 2 Millionen Menschen systematisch ermordet.

"Aufschrei 15:39 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Aufschrei 15:39 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

Der weitaus überwiegende

 

Anteil aller in den NS-Gaskammern Ermordeten waren Menschen jüdischen Glaubens. Zahlreiche Dokumente aus dem Vernichtungs- lager Sobibor wurden zerstört und mussten später aus der Korrespondenz mit Berlin mühsam rekonstruiert werden.

 

"Schrei 16:42 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Schrei 16:42 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei der systematischen,

 

geradezu industriell organisierten Vernichtung von Menschen hatten sogenannte Transit-Ghettos die Funktion von Durchgangslagern für, sowie die kriegstaktische Funktion der Ablenkung von Konzentrationslagern.

"Schrei 17:42 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Schrei 17:42 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit dem „Transport Nr. 20“

 

wurde Ilse Pisk am 12. Mai 1942 von der Adresse „Stoß im Himmel 3“, in der Wiener Innenstadt in das Transitlager Izbica deportiert.

"Schrei 18:32 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Schrei 18:32 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Das Transit-Ghetto Izbica

 

existierte während der Jahre 1942 und 1943. Die letzte dokumentierte Häftlingsnummer von Ilse Pisk lautete „1000“.

 

"Aufschrei 20:17 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Aufschrei 20:17 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 


 

Bis zu einem gewissen Grad

 

hatten Menschen auch in der NS-Diktatur die Wahl: Manche entschieden sich dafür, jüdische Mitbürger zu verstecken und damit zu retten. Andere, wie etwa Hubert Marischka entschieden sich dafür, einen Antrag auf NSDAP-Mitgliedschaft zu stellen.

"Aufschrei 20:58 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Aufschrei 20:58 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Philosoph Theodor W. Adorno


schrieb: „Daß es geschehen konnte inmitten aller Tradition der Philosophie, der Kunst und der aufklärenden Wissenschaften, sagt mehr als nur, daß ... der Geist es nicht vermochte, die Menschen zu ergreifen und zu verändern."

"Schrei 21:01 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Schrei 21:01 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

Die dargestellten Kiefer


sind in das Bild gesetzte sprachliche Zeichen. Die Tuschen von Konstanze Sailer sind Andeutungen und Zuordnungen: Kiefer zu Aufschrei, Schriftzeichen zu Todesphonem. Schreie und Aufschreie sind jäh unterbrochene Sprache.

"Endloser Schrei 22:12 Uhr", 2015, 48 x 36cm
"Endloser Schrei 22:12 Uhr", 2015, 48 x 36cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

Jeder der zum schmerzerfüllten

 

Schrei aufgerissenen Kiefer ist einem Laut zugeordnet. Die malerisch konservierten Schreie tragen keine Namen, sondern individuelle Uhrzeiten. Sie repräsentieren Momente der Verwundung und des Todes von Menschen. Erst im Nachhall von Aufschreien wird die Erinnerung dauerhaft.